Baby

Zweisprachigkeit mit Baby

Wie einige vielleicht wissen, erziehen wir Leonard zweisprachig. Da ich selbst zweisprachig aufgewachsen bin und beide Sprache, die ich spreche als meine Muttersprache empfinde, ist es für mich und uns als Paar nur natürlich diese beiden Sprachen unserem Kind nahezubringen.

Es gibt sehr viele Arten zwei- oder mehrsprachiger Erziehung, die man nicht alle auf die gleiche Weise in einem Post abhandeln kann. Sprechen die Eltern eine andere Sprache, als in der Umgebung gesprochen wird (das war bei uns so), sprechen beide Elternteile jeweils eine andere Sprache und miteinander wiederum Englisch, spricht ein nur Elternteil eine Fremdsprache mit dem Kind, um diesem diese beizubringen. Ich persönlich kenne viele Formen von mir, uns oder aus dem familiären Umfeld, dennoch beziehen sich meine Tips überwiegend auf unsere individuelle Situation: Leonard lernt von mit Polnisch  und von meinem Mann und der Umgebung Deutsch.

1. Fang an. Vielleicht ist es am Anfang befremdlich, mit deinem Neugeborenen in einer anderen Sprache zu sprechen, als mit deinem Partner und/oder dem Umfeld. Wenn man einfach anfängt, löst sich dieses Gefühl schnell auf und es wird ganz natürlich. Für alle Beteiligten. Am besten man beginnt schon im Krankenhaus oder gar in der Schwangerschaft in der ausgesuchten Sprache mit dem Kind zu sprechen. Mir hat sehr geholfen, dass meine Eltern als mein Mann wieder arbeiten ging einige Tage zu Besuch waren und zack, wir haben alle miteinander und mit Leonard Polnisch gesprochen. Und bei mir ist es so geblieben.

2. informiere dich – die Vorteile, Herausforderungen und möglichen Schwierigkeiten einer zweisprachigen Erziehung und eines zwei- oder mehrsprachigen Familienlebens zu kennen, wird dir helfen. Für mich ist es wichtig zu wissen, dass mein Kind in beiden Sprachen vorübergehend einen geringeren Wortschatz aufweisen könnte oder trotz unterschiedlicher Sprachen ähnliche Grammatikfehler machen könnte. Auf diese Weise erspart man sich manch unnötigen Schrecken oder Sorge während des Spracherwerbs des Kindes.

3. Hol dir Verbündete – dass der Partner ebenso hinter einer zweisprachigen Erziehung stehen sollte wie man selbst, ist selbstverständlich. Es ist aber auch sehr hilfreich, wenn die Großeltern oder weitere Familienmitglieder nicht nur einverstanden, sondern auch neugierig oder begeistert sind von der Zweisprachigkeit sind. Liegen Fragen oder Sorgen vor, lohnt es sich, diese vorher gemeinsam anzugehen und auszuräumen, damit das Kind die Welt beide Sprachen und damit auch beider Kulturen in einer schönen Atmosphäre erleben kann, ohne eventuell Ärgernis oder Sorgen auszulösen, wenn es hier und da Fehler macht oder Dinge durcheinander wirft. Was passieren wird. Was passieren darf.

Zu Verbündeten zählen übrigens auch andere Kinder und Eltern. Kinder, die die gleiche zweite Sprache lernen, wie dein Kind. Oder aber Eltern, die ihre Kinder in welcher Sprache auch immer zweisprachig erziehen. Hier können sich Groß und Klein austauschen.

4. Hilfsmittel. Bücher, Kinderlieder, Gedichte, Kinderfilme und -serien, Gesellschaftsspiele. Solche, nennen wir sie Medien, können die Zweisprachigkeit unterstützen. Im Babyalter sind es vor allem Kinderbücher sowie Kinderlieder, die dem Kind vorgelesen und vorgespielt werden können – auf beiden Sprache versteht sich. Wenn das Kind älter wird, kann auch die Gutenachtgeschichte im Fernseher mal in der einen und mal in der anderen Sprache gezeigt werden oder aber die ganze Familie spielt ein Spiel, das eventuell landestypisch ist und die zweite Sprache im Haushalt unterstützt. Sprachneutrale Dinge, wie etwa Wimmelbücher, sind ebenso sehr geeignet, denn diese kann sich das Kind mit beiden Elternteilen ansehen – sofern nicht beide Elternteile jeweils beide Sprachen beherrschen.

5. Dran bleiben. Konsequenz und Geduld sind elementar, wenn es um Zweisprachigkeit geht. Zwischen Sprachen hüpfen, längere Pausen machen, immer wieder die Sprache, in der man das Kind anspricht wechseln – all das schadet mehr, als es nützt. Es ist wichtig, dass das Kind weiß in welcher oder welchen Sprachen es seine Bezugspersonen ansprechen kann. Und es ist wichtig, dass es die feinen Grenzen erlernt. Mama spricht Sprache A mit mir. Versteht aber Papa, der Sprache B spricht. Mit mir spricht Papa Sprache B. Oma und Opa sprechen auch Sprache B. Die anderen Großeltern A, verstehen aber B. Auf dem Spielplatz sprechen viele Sprache B, manche wiederum ganz andere Sprachen, die ich nicht verstehe. u.s.w.

Zweisprachigkeit endet nicht plötzlich. Mit 10 Jahren. Wenn das Kind die Sprache zur Zufriedenheit der Eltern beherrscht. Wächst ein Kind in einer zweisprachigen Familie auf, so gehören beide Sprachen gleichermaßen dazu. Es hat zwei Muttersprachen. Ich spreche mit Ende 20 in beiden Sprache mit meinen Eltern und zugegeben – am liebsten spreche ich auch aus Respekt ihnen gegenüber in ihrer ursprünglichen Muttersprache mit ihnen. Das wiederum ist stetige Praxis für mich.

6. Lass es dir nicht als etwas außergewöhnliches verkaufen. Du bringst deinem Kind Französisch bei, weil du es bereits im Windelalter dem Leistungsprinzip aussetzt? Du willst, dass es deine Muttersprache spricht, damit du eine eigene Geheimsprache mit dem Kind hast? Wenn es zweisprachig aufwächst, wird es in beiden Sprachen und in der Schule schon mal sowieso Probleme haben? Ja – das habe ich alles so oder so ähnlich schon gehört. Traurig, nicht wahr? Meine Antwort darauf ist meist, dass ich zufrieden bin, wenn das Kind so Deutsch lernt, wie ich es kann. Und bin ich auf Krawall gebürstet, ergänze ich noch, ich sei schließlich Germanistin und Linguistin. Irgendwas muss schon geklappt haben bei mir. 

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Aber Spaß bei Seite. Viele Personen erschrecken bei dem Thema Zweisprachigkeit schnell und denken, man würde ein Kind überfordern und ihm Steine in den Weg legen. Erst Recht, wenn es sich nicht um Englisch, Spanisch oder Mandarin handelt, einer Sprache mit der der Knirps später mal beim Personaler punkten kann, sondern Polnisch. Wie nutzlos.

Was viele nicht wissen, ist, dass Einsprachigkeit weltweit etwas viel ungewöhnlicheres ist als Mehrsprachigkeit. Es gibt viele Länder, in denen die gesprochene Sprache ungleich der Amtssprache ist. Es gibt Länder, in denen jedes Dorf eine andere Abwandlung einer Sprache spricht, die weit über das, was man Dialekt nennen könnte hinaus geht. Es gibt Länder, in denen sich vor gar nicht so langer Zeit die Grenze verschoben hat und die Menschen plötzlich eine zweite Sprache erlernen mussten. Es gibt Religionen, die das Beherrschen einer anderen Sprache erfordern. Und es gibt so viele Personen und Familien, die aus unterschiedlichsten Gründen emigrieren und genau: eine weitere Sprache erlernen müssen. Das gab es schon immer und wird es immer geben und wisst ihr was? Unser Gehirn kann das. Und das von Kindern umso besser. Wer nur eine Sprache lernt und nie und nimmer seinen Sprachraum verlässt, ist der viel größere Exot.

Wenn ihr noch Fragen oder Anmerkungen zu diesem für mich sehr wichtigen Thema habt, dann nur zu. Ich freue mich sehr, über einen Austausch.

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2 Kommentare

  1. Barbara sagt

    Wow, gleich so viele schöne Worte. Danke dir! Das tut gut zu lesen.

    Schade, dass deine Mama sich verunsichern ließ, aber wohl sehr natürlich und verständlich. Ich wäre auch erschrocken, wenn mir jemand sowas sagt. Man möchte dem Kind ja keine Schwierigkeiten bereiten. Da meine Mutter genau wie ich aber zum Glück aus dem Studium wusste, wie Zweisprachigkeit richtig klappt, hat es bei meiner Schwester und mir wunderbar funktioniert und wie geben es beide an unsere Kinder weiter.

    Liebe Grüße, Barbara

  2. Barbara sagt

    Hallo nochmal 🙂 So wie dir geht es so so vielen, die ich kenne. Die Eltern haben, wie Eltern eben, von Herzen das Richtige machen wollen und das war nunmal der Wunsch, dass die Kinder perfekt Deutsch lernen. Nun, da man weiß, dass es in sehr vielen Fällen auch beides zusammen super geht, ist es natürlich sehr schade für die Kinder. Aber du versucht es ja nun zu lernen und wirst es mit der Hilfe deiner Familie und auch deinem passivem Wortschatz im polnischen garantiert einfacher haben, als manch anderer. Ich drücke dir die Daumen!

    Es tut übrigens so so gut, positives Feedback zu dem Thema zu bekommen. Denn ich zweifle auch hin und wieder, ob ich das Richtige mache oder aber ob ich es richtig hinbekomme.

    LG, Barbara

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