Baby, Kolumne
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Kaffee Kind Kolumne | Von der Mutter, die ich nicht sein will

Durch Zufall hört die Kursleiterin meines Rückbildungskurses das Gespräch mit, indem ich einer anderen Kursteilnehmerin und genau wie ich Neum ama erzähle, dass Leonard zwischen 4 und 5 Uhr morgens wach wird und ich mit ihm spiele. „Ja, richtig gehört. Ich stehe auf und spiele mit ihm. Bis er wieder müde wird und wir uns beide noch etwas hinlegen.“ Die Kursleiterin, die Hebamme und selbst zweifache Mama ist, ist fassungslos: „Da hat er Sie aber schon ganz schön erzogen. Oder wer hat bei Ihnen die Hosen an?“ Ein Kichern im Kursraum.

„Der Kleinste natürlich.“ 

„Der Kleinste natürlich.“ Ja so lautete meine Antwort. Und lautet sie noch immer. Denn Leonard ist noch immer früh müde und früh wieder wach. Er holt sich seinen Schlaf, aber richtet sich dabei eben nicht nach uns. Und das ist okay. Auch wenn ich mir das niemals so vorgestellt habe.

Top organisiert, in Montessori & Co. belesen, immer gestylt, voller Tatendrang trotz Augenringen bis ins BH-Körbchen, ambitioniert, 3 Kilo schlanker als vor der Schwangerschaft und ohne eingetrocknete Breireste auf der Bluse – so habe ich mir das Muttersein vorgestellt. Oder genauer: mich als Mutter vorgestellt. Das meiste schaffe ich durchaus auch. Mal. Aber niemals in Kombination miteinander.

Ich will keine Mama sein, die sich immer wieder rausstiehlt, wenn ihr Baby eingeschlafen ist.

Und wenn ich so neben ihm liege, er sich nach dem Stillen gerade weggedreht hat um dann doch wieder sein kleines Gesicht an meine Haut zu schmiegen und dieses leise schlafende Schnauben aus seinem Näschen kommt und ich aufstehen sollte, mich anziehen sollte, etwas Unordnung beseitigen sollte, etwas essen sollte, dann denke ich mir immer wieder: Ich will keine Mama sein, die sich immer wieder rausstiehlt, wenn ihr Baby eingeschlafen ist. Ich will keine Mama sein, die dieses Bündel, dessen Bedürfnis es ist meinen Herzschlag zu hören, meinen Atem zu spüren, weglegt. Immerzu. Also bleibe ich liegen und wenn ich Glück habe, nicke ich ein. Und falls nicht, schaue ich ihm beim Schlafen zu und bin oh so glücklich.

Zurück zu 4 Uhr morgens. Wenn ich mein munteres Baby hochnehme, die Schlafzimmertür hinter mir schließe und wir im Kinderzimmer auf seiner Decke spielen. Ich hänge meist noch etwas durch, liege halb in seinem Tipi und hechte nur schnell raus, wenn er mit einem Holzspielzeug auf die schmale Lücke zwischen Teppich und Spieldecke hämmert, um den Nachbarn auch mitzuteilen: ich bin wach! Und wieder: ich möchte nicht die Mama sein, die ihrem so kleinen Kind erklärt, es habe sich noch 5 Mal um die eigene Achse zu wälzen und einzuschlafen. Bis 7 Uhr am besten. Ich möchte auch nicht die Mama sein, die ihn weinen lässt, weil ihn keiner hochnimmt.

Genauso wenig möchte ich die Mutter sein, die ihrem Kind während des Fütterns den Brei sofort wegwischt. Oder während es spielt, ständig den Staubwedel in der Hand hat und dies und jenes aufräumt. Ich beherrsche mich. Ich warte mit dem Aufräumen, Wäsche machen und Müll runterbringen, bis er zwischendurch schläft oder aber abends im Bett ist. Natürlich geht das nicht immer. Manchmal muss etwas vorher erledigt werden. Und sei es nur das Essen, das für uns beide gekocht werden will. Denn ach ja, ich möchte keine Gläschen kaufen und Fertigmahlzeiten anrühren. Immerzu. Wir, deine Eltern, essen doch auch keine Fertiggerichte und die Zeit, in der exklusives Babyessen gekocht werden muss, ist doch überschaubar.

Ich möchte nicht, dass du immer zu „nein“ hörst. Ich sage öfter ja, oder aber biete dir Alternativen an. Ich will nicht, dass du mit knapp 1 schon in eine Kita gehst und dich unserem Alltagstrott unterordnest. Ich will nicht, dass du endlose Autofahrten erdulden musst. Dass dein Schlafrhythmus ignoriert wird, nur weil wir etwas unternehmen möchten. Und eins möchte ich ganz sicher nicht. Denken, dass du uns im Griff hast. Dass du kleines Wesen schon berechnend handelst. Uns erzogen hast.

Und so wird sie immer länger und länger, die Liste der Dinge, die ich nicht sein will. Und wie sie so immer länger wird, umso mehr fällt mir auf: eigentlich machst du das doch ganz gut. Es sind nicht nur, die Dinge, die wir sein wollen und anstreben, die uns ausmachen. Es sind genauso die Dinge, die wir nicht sein wollen und nicht sind. Denn das, was wir nicht sind, formt das, was wir schließlich wirklich sind ebenso. Wenn nicht manchmal sogar mehr.

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4 Kommentare

  1. P.W. sagt

    Danke. Danke für diesen wunderbaren Text. Ich selbst durfte vor knapp 9 Monaten das Wunder Baby erfahren und deine Zeilen hätten meine sein können.
    In der heutigen viel zu schnellen und hierarchischen Welt bin ich froh um dieses kleine Stückchen Auszeit. Der kleine Pausenknopf der seit der Geburt dieses kleinen Geschöpfes einfach so aufgetaucht ist. Der Pausenknopf für vor allem meine Gedanken. Ich will nicht, nur weil andere es so wollen, machen, raten, mein Kind nicht neben mir schlafen lassen, nicht den Luxus gönnen an meiner Brust einschlafen zu lassen, es unterbinden morgens früh mit dem spielen anzufangen.
    Weiter so – es ist erfrischend so ehrliche Worte zu hören, denn vor allem Perfektion ist Interpretationsspielraum und daher hierbei völlig fehl am Platz.
    Leben und leben lassen – aber das ist etwas, was viele Mütter bedauerlicherweise verlernt haben.

    • Barbara sagt

      Hallo 🙂 und lieben Dank für deinen Kommentar. Wenn dein Baby 9 Monate alt ist, dann sind unsere beiden ja sogar recht ähnlich vom Alter <3 Ja, du sagst es: Leben und Leben lassen scheint aktuell sehr aus der Mode zu sein, dabei ist es eine so wichtige Eigenschaft, zu der auch ich mich immer wieder selbst ermahnen muss. Einschlafstillen, Familienbett, etc. etc. pp. sind hier auch alles Themen und weißt du was? Alles hat sich von selbst völlig entspannt entwickelt, ohne all die Probleme, die mir vorher prophezeit wurden. Alles Liebe dir und deinem Wunder, Barbara

  2. Ein ganz toller Text, hat mich sehr angesprochen. Jetzt, mit meinem dritten Baby, genieße ich diese Momente ganz bewusst – auch wenn ich von meinem Umfeld teilweise Unverständnis und Kritik ernte. Beim dritten Kind sollte ich es ja besser wissen und ihn nicht an der Brust einschlafen lassen, zu uns ins Bett holen, bei seinen großen Schwestern hab ich es auch anders gemacht, etc. etc. Ich finde einfach, dass jedes Kind anders ist und andere Bedürfnisse hat; dieses Baby braucht das alles eben. Und ich finde es sehr schön, ihm die Liebe und Geborgenheit geben zu können, die er so offensichtlich benötigt. LG Patricia

    • Barbara sagt

      Lieben Dank für deinen Kommentar, du hast so Recht. Jedes kleine Wesen hat seine ganz eigenen Bedürfnisse und sein eigenes Tempo.Und da du nun schon das dritte hast, behaupte ich mal, weißt du es oh so viel besser als alle, die dir reinreden wollen. Alles Liebe, Barbara

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