Aachen, Kolumne
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Kaffee, Kind, Kolumne: Heimweh

Fernweh und Wanderlust – die vielleicht meist vertretenen deutschen Begriffe auf Pinterestbildern und -collagen, die irgendeinen weit entfernten Fleck dieser Erde darstellen und in uns den ruhelosen Wunsch nach Reisen auslösen. Ja, um Fernweh und um Wanderlust, oder darum, was vielfach geglaubt wird, das beide Begriffe bedeuten, werden wir Deutschen wohl von vielen beneidet.

Bei mir ist es ein anderes Wort, das ich mir auf das Schulterblatt tätowieren ließe, hätte ich mich nicht dazu entschlossen, auf das Tätowieren zu verzichten.


Heimweh.
Heimweh ist vielleicht der unbeliebte Verwandte von Wanderlust und Fernweh. Über Heimweh spricht man nicht so oft. Für Heimweh ist man zu alt sofern man älter ist als 12. Heimweh ist einfach nicht so fancy.

Fernweh kenne ich nicht. Das heißt nicht, dass ich nicht gerne verreise und ebenso gerne mit meinem Mann über den nächsten Urlaub sprechen. Aber ich habe keine innere Checkliste, mit Kontinenten, die ich noch bereisen muss, keine Landkarte mit Ländern, in die ich noch keine Nadel gesteckt habe, keinen Stapel Marco Polo Reiseführer, die ich abendlich studiere.

Ich habe Heimweh. Heimweh wonach? Meinem Geburtsort? Der Stadt, in der ich aufgewachsen bin? Weder noch. Ich habe Heimweh nach meiner Studienstadt. Dem Ort, der für viele nur eine Durchgangsstation ist, so auch für mich. Lieder.

Vor zwei Jahren haben wir unsere Sachen gepackt und unsere schöne Altbauwohnung verlassen. Den Ort, an dem sich unsere Jugendliebe richtig gefestigt hat. Den Ort, an dem wir unsere Hochzeit geplant haben. Den Ort, von dem mein Mann mich im Brautkleid zur Trauung abgeholt hat.

Wir sind also 400km in den Süden gezogen. Erst in eine kleine Übergangswohnung. Einige Monate später dann in unser wunderbares jetziges Zuhause. Leonards erstes Zuhause. Wir haben uns eingerichtet, gearbeitet und diese kleine Familie gegründet. Wir sind hier sehr glücklich. Und ich habe Heimweh.

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Wonach hat man Heimweh?

Nach einem Ort, der diese und jene Breiten- und Längengrade auf der Landkarte hat? Wie in so vielen Dinge, ist es wohl auch beim Heimweh etwas ganz individuelles. Ich habe Heimweh nach meinem liebsten Café, nach den kleinen Gassen mit Kopfsteinpflaster auf dem Weg zwischen Altbauwohnung und Seminargebäude, nach den Gesprächen im Hörsaal und mit den besten Freundinnen – face-to-face, nicht via Skype – einfach so. Spontan. Ich vermisse das Hand in Hand zum Lieblingsitaliener spazieren mit meinem Mann. Schluss. Diese Liste würde wohl endlos werden.

Genau wie Fernweh ist auch Heimweh einem Realitätscheck zu unterziehen

Genauso wenig, wie die meistens von uns eine Tauchschule eröffnen und uns von Kokosmilch ernähren können, können wir eben auch nicht die Veränderung anhalten. Auf die wir ja hinarbeiten. Seminar um Seminar. Praktikum um Praktikum. Bewerbung um Bewerbung.

Ich konnte in den letzten beiden Jahren nicht mehr Mittags um zwei in meinem liebsten Café sitzen, weil ich gearbeitet habe. Ich kann es heute nicht, weil ich mein Löwenkind in den Schlaf schaukle. Zuhause. Manchmal mit etwas, das aussieht wie ein Wischmopp auf meinem Kopf. Ich konnte in den letzten beiden Jahren keine inspirierenden Gespräche mehr an der Hochschule führen, weil ich mich dazu entschlossen habe nicht nahtlos (oder überhaupt?) zu promovieren. Dafür habe ich diese und andere Gespräche im Berufsleben geführt. Ich kann mich nicht spontan mit meinen besten Freundinnen treffen, weil es uns alle in andere Himmelsrichtungen gezogen hat, auch der Partner und Berufe wegen. Ich wäre nicht ganz, aber ein bisschen einsamer in dieser von mir vermissten Stadt. Ich habe Heimweh nach etwas, das so nicht mehr existiert. Ich glaube you got the point.

Wir haben überlegt, unseren ersten kleinen Herbsturlaub als Familie in Aachen zu verbringen  – und uns nun dagegen entschieden. Wir haben uns verändert und haben es so gewollt. Dass es uns so fehlt, heißt nur, dass es verdammt nochmal die schönsten Jahre überhaupt waren. Verliebt hingezogen, verlobt, verheiratet worden im Dom. Noch dazu die wichtigsten Freunde fürs Leben gefunden. Wir werden dich noch besuchen, liebste Kaiserstadt, aber diesen Herbst geht es woanders hin. An einen Ort, an dem ich noch nie war.

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4 Kommentare

    • Barbara sagt

      Danke dir – das ist sehr lieb. Ja, ich glaube es geht mehr Leuten so, als man meint bzw. liest man eben sehr selten davon. LG Barbara

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