Baby, Schwangerschaft

Jetzt bist du da. Ein Geburtsbericht.

Jetzt bist du schon fast 2 ganze Monate bei uns. Leonard. Mein Löwenkind. Und auch wenn ich aktuell noch jedes Wochenende dem sich die Klinke in die Hand reichendem Besuch den Tag deiner Ankunft mit verliebtem Gesichtsausdruck schildere, sodass er mir noch ganz präsent ist, möchte ich ihn nochmal in Worten festhalten. Zur Sicherheit.

Es war ein Tag nach dem von mir errechnetem Geburtstermin. Ein Tag vor dem vom Arzt festgelegtem Geburtstermin, als ich mich um kurz nach 3 Uhr nachts plötzlich mit PH Messstäbchen hantierend im Badezimmer wiederfand. War mir gerade etwa die Fruchtblase geplatzt? Einfach so beim Aufstehen? Jetzt echt? Ist das nun Fruchtwasser?

Das war es. Diese PH Stäbchen lügen nicht. Den Ehemann geweckt, einen kleinen Tränenausbruch hinuntergeschluckt, die letzten Dinge in der Kliniktasche verstaut und schon fahren wir Richtung Krankenhaus. Ich sitze auf einem Handtuch. Schmerzfrei und skeptisch. Geht es nun los? In der Klinik angekommen lassen wir den Koffer noch im Auto. Frauen die nicht schmerzverzerrt, ich korrigiere, fast sterbend auf die Entbindungsstation kommen und behaupten, das Kind sei unterwegs, werden schließlich mit der Diagnose Fehlalarm nach Hause geschickt. Das liest man zumindest immer. Aber nach kurzer Untersuchung und noch so einem Messstäbchen ist klar, dass wir bleiben dürfen müssen.

Ich werde in einem kleinen, feinen Wehenzimmer an ein CTG angeschlossen und als hätte mein Körper nur auf ein Signal gewartet, beginnen in diesem Moment die Wehen. Und zwar gehörig. Die restlichen fast 14 Stunden bis wir dich endlich zum ersten Mal hören und sehen, bestehen aus weiteren CTG Messungen, Wehen auf dem Gymnastikball sitzend oder an der Sprossenwand stehend, kurzen Powernaps zwischen den Wehen, etwas Entspannung in einer  warmen Wanne, Untersuchungen wann es denn so weit ist und Blutabnehmen. Mein Mann mimt dabei eine ideale Geburtshelferin, füttert mich zwischen den Wehen mit kleinen Snacks und ist einfach nur da, so richtig.

Nach 13 Stunden und weiterem Blutabnehmen teilt man uns sehr vorsichtig mit, meine Entzündungswerte seien hoch, sehr hoch, doppelt so hoch wie der Grenzwert sein darf. Ich kann es nun mit dem Wehentropf und im Stehen noch eine Stunde länger versuchen. Ich sei schließlich schon fast fertig. Fast geburtsreif. Und habe noch Energie. So machen wir es also. Es folgt also eine weitere Stunde an der Sprossenwand stehend, nur dass die Wehen dank Tropf nur so auf mich einprasseln. Eine nach der anderen und schon die nächste. Nach einer Stunde ist der Befund dann also wirklich geburtsreif, ich werde untersucht, ich bin bereit. Aber du bist es nicht.

Leonards Herztöne waren die gesamte Zeit über durchgehend perfekt und sie sind es noch immer. Aber er kommt nicht runter. Ich bin soweit und sein Köpfchen –  er liegt noch immer genau wie er sollte – ist viel zu weit oben. Hat er in meinem großen Bauch mit noch immer viel Fruchtwasser etwa den Rückwärtsgang eingelegt? Meine Entzündungswerte sind weiter geklettert, also wird jetzt in Ruhe alles für einen Kaiserschnitt vorbereitet. Wie ich schreiben kann „in Ruhe“, wenn solche Geburtsszenerien doch eigentlich von Eile, Sorge und bangen Sekunden bestimmt werden? Weil es in Ruhe war. Ich habe kurz mit den Tränen gekämpft, wollte ich doch unbedingt, dass wir beide eine natürliche Geburt erleben. Aber dieser Moment war so kurz, dass außer meinem Mann keiner den Gefühlsausbruch mitbekommen hat, da war er schon wieder der Entschlossenheit gewichen, dass jetzt gleich alles gut gehen wird. Dass wir dich, Leonard, gleich gesund in den Armen halten können.

Der OP befand sich unmittelbar neben meinem Kreißsaal. Kaum bin ich vorbereitet und werde noch an die letzten Gerätschaften angeschlossen, sitzt mein Mann auch schon am Kopfende und gibt sich erfolgreich Mühe, Ruhe auszustrahlen in der auch für ihn aufreibenden Situation. Nur ansehen kann ich ihn nicht, deinen Papa, drehe den Kopf in die andere Richtung und sage ihm, weinen zu müssen, wenn ich ihn nun sehe. Vor Anspannung und Loslösung. Nervosität und Glück.

Im OP unterhalten sich alle, auch viel mit mir. „Wir holen gleich das erste ihrer acht Kinder. Was wird es denn?“ sagt einer der OP-Pfleger, dem ich noch versichere, mir kein Haus mit acht Kinderzimmern leisten zu können. Und dann geht es ganz schnell, bis die Zeit einen Moment zum Stehen kommt und wir einen ersten Schrei hören und du mir, du kleiner Mensch, mein Sohn, eingewickelt ganz nah an mein Gesicht gelegt wirst und ich dich mit sicher 1000 süßen Hallos begrüße, leise schluchzend vor Rührung. Es ist eine besondere Mischung aus Erleichterung und einer noch unbekannten Liebe, die diesen Moment für uns ausmacht.

Kurz danach, oder vielleicht auch gar nicht so kurz, denn mein Zeitgefühl hat sich für mehrere Stunden verabschiedet, werden wir in einen Raum zum ersten Kennenlernen und zur Erholung von der OP gebracht. In meinem Fall geschoben. Dort weiß Leonard sofort, was er zu tun hat und fängt fleißig an zu trinken, während ich meine Augen nicht von ihm nehmen kann und diese kleinen Ohren, Hände, Wangen und diese vielen Haare von meinem Baby studiere. Mein Mann ruft währenddessen all unsere Lieben an, die seit dem frühen Morgen schon mitzittern und lässt uns dabei nicht aus den Augen. Ich bin ganz verliebt in meine beiden Männer.

Ob wir nur 30 Minuten oder gar 2 Stunden in dem Raum waren – ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass man uns so lange wie nur möglich dort gelassen hat, da leider unser bestelltes Familienzimmer für die erste Nacht noch nicht frei war und mein Mann so nicht über Nacht bleiben durfte. So war ist also wenig später alleine auf meinem Zimmer, in dem noch eine weitere Neumama übernachten sollte.

Kurz nachdem ich ins Zimmer geschoben wurde, mein Mann sich gerade verabschiedet hat und Leonard von einer Schwester zum Waschen mitgenommen wurde, habe ich von meinem Bett aus durch das große Fenster zum Park hinter der Klinik geguckt. Und wer fliegt da aus Richtung der Kreißsäle an meinem Zimmer vorbei? Ein Storch. Wie nach getaner Arbeit. Erledigter Lieferung. Ich möchte wetten, er hatte eine kleine Aktentasche unterm Flügel und flog seinem Feierabend entgegen. Ein kleiner Disneymoment, denn wer erinnert sich nicht an die Anfangsszene von Dumbo, in welcher ein Storch den kleinen Babyelefanten seiner Mama bringt? Falls nein – nochmal auf YouTube ansehen, los los.

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